Wenn Bewegung Entwicklung wird – Psychomotorik in der Frühförderung
- ASa

- 18. Juni
- 4 Min. Lesezeit
Manche Eltern haben einfach ein Bauchgefühl.
Ihr Kind ist irgendwie anders unterwegs – im wahrsten Sinne des Wortes. Vielleicht ist es schnell überfordert, meidet bestimmte Berührungen oder tut sich schwer, ruhig bei einer Sache zu bleiben. Aber ist das schon ein Grund, Hilfe zu suchen? ZM Spezialistin Sarah Stock sagt:
Ja – und zwar früh. Sie arbeitet in der Interdisziplinären Frühförderung mit einem Ansatz, der Kinder genau dort abholt, wo sie sind: in Bewegung.

Was ist Psychomotorik eigentlich?
Der Begriff klingt sperrig. Dahinter steckt aber etwas sehr Einfaches und Einleuchtendes: Bewegung, Wahrnehmung, Denken, Fühlen und Handeln hängen bei kleinen Kindern untrennbar zusammen. Psychomotorik nutzt genau das.
„Die Psychomotorik stellt ein ganzheitliches Förderkonzept dar", erklärt Sarah. „Bewegung bildet dabei die Grundlage für viele Lern- und Entwicklungserfahrungen."
Nicht die Leistung steht im Vordergrund – sondern die individuellen Fähigkeiten, Bedürfnisse und Stärken des Kindes. Und der Spaß. Immer.
Für Sarah geht Psychomotorik sogar noch weiter: „Psychomotorik ist für mich mehr als nur ein Förderkonzept – sie ist eine Denkweise und eine Grundeinstellung. Eine Möglichkeit, Kinder in ihrer Individualität wahrzunehmen und ihnen einen Raum zu geben, in dem sie sich sicher, verstanden und wirksam erleben können."
Für welche Kinder ist das gedacht?
Nicht nur für Kinder mit einer klaren Diagnose. Psychomotorik kann für viele Kinder ein sinnvolles Angebot sein – und oft merken Eltern im Alltag selbst erste Hinweise:
Fällt es Ihrem Kind schwer, das Gleichgewicht zu halten? Reagiert es besonders empfindlich auf Berührungen? Hat es Mühe, seine Aufmerksamkeit für eine Weile bei einer Sache zu lassen?
Psychomotorik richtet sich unter anderem an Kinder mit Wahrnehmungs- oder Aufmerksamkeitsbesonderheiten sowie Kinder im Autismus-Spektrum – diese Kinder stehen im besonderen Fokus der psychomotorischen Arbeit im ZM. Aber auch Kinder, die einfach mehr Sicherheit in ihrem Körper suchen, sind herzlich willkommen.
„Kinder mit Konzentrationsschwierigkeiten können dabei spielerisch an ihrer Aufmerksamkeit arbeiten", sagt Sarah. „Besonders schön ist dabei zu beobachten, mit welcher Ausdauer manche Kinder feinmotorischen Angeboten widmen – aus Knöpfen und Pompons entstehen dabei oft beeindruckende Kunstwerke. Ganz nebenbei werden Konzentration, Feinmotorik und Durchhaltevermögen auf spielerische Weise gefördert."
Wie sieht eine Einheit aus?
Keine Therapiestunde im klassischen Sinne. Eher: gemeinsames Entdecken.
Sarah arbeitet mit Ritualen, die Kindern Orientierung und Sicherheit geben – ein fester Treffpunkt auf der Matte zu Beginn, ein vertrautes Begrüßungsritual. Dann folgt Freispiel. Sarah bereitet den Raum vor – und lässt dann los.
„Ich finde es immer wieder beeindruckend, was für schöne Spielsequenzen entstehen, wenn ich mich auf die Ideen der Kinder einlasse."
Ein Beispiel:

Eigentlich hatte Sarah eine Koordinationsübung geplant. Das Mädchen aber baute aus den vorhandenen Materialien einen Fisch, der an einem Köder angebissen hatte und durch ein Netz gezogen werden musste – und anschließend brauchte er natürlich noch ein Aquarium. Eine ganze Geschichte entstand. Dabei wurde nicht nur die Koordination geübt, sondern auch Handlungsplanung, Knotenknüpfen, Achtsamkeit und Problemlösung.
„Förderung fruchtet am ehesten, wenn die Kinder einen Sinn in ihrem Tun sehen und aus Eigeninitiative handeln können."
Übrigens braucht es dafür keinen perfekten Therapieraum. Sarah hat immer eine große Tasche dabei – mit Wäscheklammern, Seilen, Schwämmen, einem Schwungtuch.
Alltagsmaterialien, die Fantasie anregen und zeigen: Wertvolle Lernerfahrungen entstehen mit ganz einfachen Mitteln.

Gefühle zeigen sich im Körper – und umgekehrt
Motorik, Wahrnehmung, Verhalten und Emotionen sind keine getrennten Welten. Das ist einer der Kerngedanken der Psychomotorik.
„Gefühle zeigen sich oft über den Körper und die Bewegung", erklärt Sarah. „Wut kann sich in kräftigen, angespannten Bewegungen ausdrücken – etwa beim Stampfen. Gleichzeitig kann Bewegung dazu genutzt werden, auf das innere Gefühlsleben Einfluss zu nehmen." Kräftige Bewegungen wie Stampfen können dabei helfen, mit innerer Anspannung umzugehen – ganz ohne Worte.
Deshalb orientiert sich Sarah nicht nur an Förderzielen, sondern immer auch daran, wie es dem Kind an diesem Tag geht. „Manche Kinder brauchen zunächst Bewegung und die Möglichkeit, sich auszupowern. Andere profitieren eher von ruhigen Sequenzen oder Entspannungsphasen. Diese Flexibilität macht die Psychomotorik für mich besonders wertvoll."
Was Kinder in der Psychomotorik erleben
Unsere Zeit ist schnell. Auch Kinder spüren das – volle Terminkalender, hohe Erwartungen, wenig Raum zum Verweilen.
In der Psychomotorik dürfen Kinder eigenen Ideen folgen, kreative Lösungen finden und Erfahrungen machen – ohne dass ein bestimmtes Ergebnis erreicht werden muss. Der Weg ist wichtiger als das Ziel.
Sarah: „Kinder erleben oft zum ersten Mal, dass sie Herausforderungen selbst bewältigen und eigene Stärken entdecken können. Sie können ihren Körper auf neue Weise erleben und dabei mehr Vertrauen in sich selbst entwickeln."
Die Beziehung zwischen Therapeutin und Kind spielt dabei eine zentrale Rolle. „Es ist so schön zu sehen, wie viel mehr möglich ist, wenn eine tragfähige Beziehung aufgebaut wurde", sagt Sarah. „Ich spiegle die Verhaltensweisen der Kinder, nehme ihre Interessen und Ideen auf – damit sie sich gesehen fühlen."
Was Sarah in ihrer Arbeit bewegt
Sarah Stock arbeitet seit zehn Jahren mit Psychomotorik. Nach ihrer Ausbildung zur Erzieherin, einem Bachelor in Frühkindlicher Bildung und einem Master in Motologie und Psychomotorik hat sie drei Jahre in der Schweiz gearbeitet – dort ist die Psychomotorik als eigenständiges Fachgebiet bereits fest etabliert. Seit Januar dieses Jahres ist sie im Zentrum Mensch im Bereich der Heilpädagogik tätig.
Was sie antreibt? Kleine, aber bedeutsame Momente.
„Es berührt mich jedes Mal neu, wenn ich miterleben darf, wie ein Kind durch Bewegung, Spiel und Beziehung mehr Sicherheit in sich selbst findet. Wenn Kinder anfangen, sich selbst anders wahrzunehmen – ihre Impulse besser zu steuern, ihre Gefühle besser zu regulieren."
Und wenn Eltern und Erzieher*innen positive Veränderungen im Alltag berichten – „das ist ein schöner Teil dieser Arbeit", sagt Sarah.
Unsicher, ob Ihr Kind Unterstützung braucht?
Ein erstes Gespräch reicht oft, um mehr Klarheit zu gewinnen – wir nehmen uns die Zeit. Das Zentrum Mensch begleitet Familien interdisziplinär – Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Frühförderung und mehr arbeiten hier Hand in Hand. So schaut ein ganzes Team gemeinsam, was Ihr Kind braucht.
📞 07951/4832-110 🌐 www.im-zm.de
Sarah Stock ist tätig in der Heilpädagogik und Psychomotorik in der Interdisziplinären Frühförderung im Zentrum Mensch am Standort Gaggstatt.

