Was Sie über Nackenschmerzen wissen sollten
- ASa
- vor 2 Tagen
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Von Daniel Rösch, ZM Spezialist und Physiotherapeut in Ilshofen
Kennen Sie das? Morgens aufwachen, der Nacken ist steif, der Tag fängt schon falsch an. Oder dieser ziehende, drückende Schmerz, der sich irgendwann in den Hinterkopf hineinschleicht. Vielleicht haben Sie sich schon gefragt: Was steckt eigentlich dahinter? Und was kann ich dagegen tun?
Sie sind damit nicht allein. Und vor allem: Es gibt gute Nachrichten.

Nackenschmerzen sind häufig — aber meist nicht gefährlich
Genau in diesem Moment geben 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung an, Nackenschmerzen zu haben. Und im Laufe des Lebens sind bis zu 70 Prozent der Menschen mindestens einmal davon betroffen. Damit gehören Nackenschmerzen zu den häufigsten Beschwerden überhaupt.
Die gute Nachricht: Die Prognose ist in den meisten Fällen günstig.
Bei vielen Menschen vergehen die Beschwerden innerhalb von zwei Monaten — oft von allein. Leichte Restsymptome oder gelegentliches Wiederauftreten sind möglich, aber das bedeutet nicht, dass etwas Ernstes dahintersteckt.
Denn: In rund 90 Prozent aller Fälle liegt keine klare strukturelle Schädigung vor.
Nur bei 8 bis 9 Prozent treten neurologische Symptome wie Taubheitsgefühle oder Lähmungserscheinungen auf. Und ernsthafte Erkrankungen wie Frakturen oder Tumore sind mit 1 bis 2 Prozent ausgesprochen selten.
Was ein MRT-Befund wirklich bedeutet — und was nicht
Viele Menschen machen sich Sorgen, wenn beim MRT ein Befund auftaucht. Dabei zeigt die Forschung etwas sehr Beruhigendes: Veränderungen an der Halswirbelsäule — etwa eine Bandscheibenvorwölbung — sind weit verbreitet, auch bei Menschen ohne jede Beschwerde.
Sogar bei jungen Menschen Anfang 20 zeigen 90 Prozent der MRT-Untersuchungen ohne Beschwerden solche Auffälligkeiten. Gleichzeitig geben nur 10 Prozent der Menschen mit nachweislichen Veränderungen an der Wirbelsäule tatsächlich Schmerzen an.
Eine Übersichtsarbeit von Farrell et al. (2019) bestätigt: MRT-Auffälligkeiten treten sowohl bei Schmerzpatienten als auch bei beschwerdefreien Personen gleichermaßen häufig auf. Ein Befund erklärt Schmerzen also nicht automatisch — er muss immer im Zusammenhang mit den tatsächlichen Beschwerden betrachtet werden.
Kurz gesagt: Ein auffälliger MRT-Befund bedeutet nicht zwangsläufig, dass Sie krank sind.
Schmerz ist kein einfaches Signal — er entsteht im Zusammenspiel
Stellen Sie sich Schmerz wie einen Kuchen vor. Eine einzelne Zutat macht noch keinen Kuchen. Erst das Zusammenspiel mehrerer Zutaten ergibt das fertige Produkt.
Genauso verhält es sich mit Schmerz: Er entsteht selten aus einer einzigen Ursache, sondern aus dem Zusammenspiel verschiedener biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren — dem sogenannten biopsychosozialen Modell.
Das bedeutet: Körperliche Belastungen allein erklären Schmerzen oft nur zum Teil. Auch Stress, Schlafmangel, belastende Gedanken oder schwierige Lebenssituationen können dazu beitragen, dass Schmerzen stärker wahrgenommen werden.
Schmerz ist dabei kein Zeichen von Schwäche — er ist ein Schutzmechanismus. Das Nervensystem schlägt Alarm, wenn es eine Situation als potenziell bedrohlich einschätzt. Manchmal schlägt es dabei etwas zu früh oder zu laut an.
Der Haltungs-Mythos: was die Wissenschaft wirklich sagt
„Sitz gerade!" — das haben viele von uns schon gehört. Aber stimmt es wirklich, dass schlechte Haltung Nackenschmerzen verursacht?
Die Antwort der Wissenschaft ist eindeutig: Ein klarer Zusammenhang zwischen einer bestimmten Körperhaltung und Nackenschmerzen konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Jugendliche, die gekrümmt am Smartphone sitzen, geben nicht häufiger Nackenschmerzen an als jene, die aufrecht sitzen.
Was tatsächlich hilft: Abwechslung. Die beste Haltung ist oft die nächste Haltung. Wer regelmäßig seine Position wechselt, tut seinem Nacken mehr Gutes als jemand, der starr in einer vermeintlich perfekten Haltung verharrt.
Auch Stress spielt eine Rolle
Belastungen im Beruf, Sorgen im Alltag, familiäre Spannungen — all das kann dazu beitragen, dass Schmerzen intensiver wahrgenommen werden. Das ist keine Einbildung, sondern gut belegt. Wer unter Dauerstress steht, hat ein aktiviertes Nervensystem — und ein aktiviertes Nervensystem reagiert empfindlicher auf Schmerzreize.
Das bedeutet nicht, dass Nackenschmerzen „nur psychisch" sind. Aber es bedeutet, dass ein ganzheitlicher Blick auf die eigene Lebenssituation Teil einer guten Behandlung sein sollte.
Was wirklich hilft: Bewegung, Training, Alltag
Der Nacken ist belastbar und anpassungsfähig — das ist eine der wichtigsten Botschaften der modernen Schmerzforschung. Bewegung ist Medizin.
Folgende Maßnahmen haben sich als wirksam erwiesen:
Kraft- und Ausdauertraining der Nacken- und Schultermuskulatur
Regelmäßige Bewegung im Alltag — auch kurze Einheiten zählen
Ausreichend Schlaf — Schlaf ist aktive Regeneration
Stressmanagement — ob Atemübungen, Sport oder bewusste Auszeiten
Soziale Unterstützung im privaten und beruflichen Umfeld
Es geht nicht darum, alles auf einmal zu verändern. Es geht darum, den ersten Schritt zu machen.
Wie wir im Zentrum Mensch auf Nackenschmerzen schauen

Nackenschmerzen sind selten nur ein körperliches Problem — und deshalb behandeln wir sie nicht isoliert. Im Zentrum Mensch arbeiten Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten sowie Fachkräfte aus der Familienberatung Hand in Hand. Wir schauen gemeinsam auf Körper, Belastung und Lebenssituation.
Was steckt wirklich hinter Ihren Beschwerden? Welche Faktoren spielen in Ihrem Fall eine Rolle? Und wie kann eine gezielte Einschätzung Ihnen helfen, den nächsten Schritt zu gehen?
Sprechen Sie uns an — wir nehmen uns Zeit für eine gründliche Einschätzung.
Daniel Rösch macht aktuell eine Weiterbildung zur Schmerztherapie
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Quellen & Studienlage
Die Aussagen in diesem Beitrag basieren auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Schmerzforschung und Physiotherapie.
Prävalenz & Prognose
Hoy, D. et al. (2014). The global burden of neck pain. Annals of the Rheumatic Diseases, 73(7), 1309–1315.
Hogg-Johnson, S. et al. (2008). The burden and determinants of neck pain in the general population. European Spine Journal, 17(Suppl 1), 39–51.
MRT-Befunde & strukturelle Veränderungen
Farrell, S.F. et al. (2019). Cervical spine MRI findings in a cohort of patients with neck pain: are they related to pain and disability? PLOS ONE.
Brinjikji, W. et al. (2015). Systematic literature review of imaging features of spinal degeneration in asymptomatic populations. American Journal of Neuroradiology, 36(4), 811–816.
Biopsychosoziales Modell & Schmerzverständnis
Engel, G.L. (1977). The need for a new medical model: a challenge for biomedicine. Science, 196(4286), 129–136.
Moseley, G.L. & Butler, D.S. (2015). Fifteen years of explaining pain: the past, present, and future. Journal of Pain, 16(9), 807–813.
Haltung & Nackenschmerzen
Richards, K.V. et al. (2016). Neck posture clusters and their association with biopsychosocial factors and neck pain in Australian adolescents. Physical Therapy, 96(10), 1576–1587.
Damasceno, G.M. et al. (2018). Text neck and neck pain in 18-21-year-old young adults. European Spine Journal, 27(6), 1249–1254.
Bewegung & Therapie
Gross, A. et al. (2015). Exercises for mechanical neck disorders. Cochrane Database of Systematic Reviews, Issue 1.
Searle, A. et al. (2015). Exercise interventions for the treatment of chronic low back pain. Clinical Rehabilitation, 29(12), 1155–1167.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische oder therapeutische Beratung. Bei anhaltenden oder starken Beschwerden empfehlen wir eine professionelle Untersuchung.
